Die Teilnehmenden auf einem Gruppenfoto in Hann. Münden, wo sich Fulda und Werra zur Weser vereinigen
Der Herr der Speichen: WfF-Jugend- und Familientour 2025

Der deutsche Frei­herr Carl von Drais gilt als Erfind­er des Fahrrads. Die nach ihm benan­nte Lauf­mas­chine war der direk­te Vor­läufer des Fahrrads. Das war im Jahr 1817.

Das Spe­ichen­rad hinge­gen wurde bere­its in der Bronzezeit vor etwa 4 000 Jahren erfun­den. Spe­ichen verbinden die Nabe und die Felge miteinan­der. Druck und Gewicht, die auf die Felge wirken, wer­den so auf die Nabe übertragen.Wenn das Laufrad sich dreht, kommt es per­ma­nent in den Zus­tand zwis­chen extremer Be- und Entlastung.

Der Herr der Fliegen ist ein 1954 erschienen­er Roman von William Gold­ing. Er erzählt von der sozialen Entwick­lung ein­er­Gruppe Jugendlich­er, die schla­gar­tig von jedem Ein­fluss durch Erwach­sene abgeschnit­ten ist. Obwohl von Kul­tur und Zivil­i­sa­tion geprägt, ver­hal­ten sie sich mehr und mehr nach ihrem Charak­ter. Dies alles geschieht auf­grund derun­frei­willi­gen Iso­la­tion auf ein­er Insel. Unter den Kindern kommt es als­bald zu einem gewalt­täti­gen Kon­flikt und zu demGerücht, dass sich auf der Insel ein Mon­ster befindet.

Der nun fol­gende Bericht han­delt von Rädern, von Be- und Entlastung.

Er erzählt von der frei­willi­gen Iso­la­tion ein­er Gruppe Erwach­sen­er, Jugendlich­er und Kinder. Das gewählte Paradies ist der Weser­rad­weg. Von Kon­flikt und Gewalt erzählt er nichts. Aber – Trig­ger­war­nung – da gibt es ja noch das Thema„Monster“, das sich hier in Form eines Wer­wolfs zeigt.

WfF Jugend- und Fam­i­lien­tour im Som­mer 2025. 45 Teil­nehmer im Alter von fünf bis nach oben offen, davon 22 im Alter von fünf bis 20 Jahren, also Kinder und Jugendliche. Gefahren wird aufgeteilt in drei Grup­pen, nach „schnell“, „mit­tel“ und „die wahren Genießer“. Dabei wer­den täglich zwis­chen 50 bis sog­ar etwas über 100 km zurück­gelegt. ZweiPausen­t­age, fünf Tage auf dem Rad oder „Fol­low-me“ mit viel Spaß, Aben­teuer, Eis, Freibad, See und eben genau der richti­gen Mis­chung aus Be- und Entlastung.

Teilnehmende erfrischen sich mit einem leckeren Eis

Der orig­i­nale Weser­rad­weg ist 520 km lang. In der Regel wird er flussab­wärts gefahren und durchkreuzt die Bun­deslän­der­Hessen, Nor­drhein-West­falen, Nieder­sach­sen, Bre­men mit Start in Hann. Münden.

Uns aber zieht es als Star­tort zu einem Esel, einem Hund, ein­er Katze und einem Hahn. Diese ste­hen für Fre­und­schaft, Zusam­men­halt und Sol­i­dar­ität – sowie dafür, durch gemein­sames Han­deln etwas zu bewirken. Das hat sich auch der WfF auf seine orange-weiße Fahne geschrieben – er feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburt­stag. Hurra!

Die Teilnehmenden posieren vor der Bronzestatue der Bremer Stadtmusikanten für ein Gruppenbild

Die Fahne – täglich sehn­süchtig erwartet – schwenken Clau­dia, Flo­ri­an und Fabi­an. Da, wo sie sind, ist diePausen­verpfle­gung; dort rollen die Trans­porter mit unserem Gepäck. Die per­fek­ten Betreuer – eine Fam­i­lie, die ihrenUrlaub damit ver­bringt, uns zu ver­wöh­nen. Täglich wer­den Zim­mer­bele­gun­gen in den Jugend­her­ber­gen zusam­men- oder auseinan­dergewür­felt und wie von Zauber­hand, wie in einem Märchen der Brüder Grimm, füllt sich der Gaben­tisch am täglichen Pausen­tr­e­ff aufs Neue.

Die Stan­dorte der Jugend­her­ber­gen bes­tim­men unsere Route, dem Fluss der Weser bergauf fol­gend. Geschlafen wird mit Blick auf die Weser, nach einem abendlichen Besuch (ihr habt es errat­en) bei den Bre­mer Stadtmusikanten.

Nach dem gemein­samen Eröff­nungsabend, bei dem die wichtig­sten Verkehrsregeln abge­fragt wer­den, zeigt er sich zum ersten Mal, der Werwolf.

Am Son­ntag radeln wir bei her­rlich­stem Son­nen­schein – der uns die ganze Woche nicht von der Seite weichen wird – nach Ver­den (Aller). Am zweit­en Tag auf dem Weg zum Stein­hud­er Meer wer­den wir neben der schö­nen Land­schaft und dem guten Miteinan­der mit leck­er­er Wasser­mel­one ver­sorgt. Abends gibt es eine Par­ty, die Kinder bes­tim­men die Playlist in der Dis­co und sie brin­gen die Erwach­se­nen dazu, die Robbe auf dem Tanz­bo­den zu machen.

Nach dem Pausen­tag mit Rund­tour um das Stein­hud­er Meer geht es auf der drit­ten Etappe in die JHB Por­ta West­fal­i­ca. Dort thront der „Willem“ auf dem zwei­thöch­sten Denkmal Deutsch­lands. Es gibt Pommes und frischen Brokkoli zum­Aben­dessen. Alle sturzfrei soweit – auch wenn das Trinken während der Fahrt noch geübt wer­den muss.

Gut gelaunte Teilnehmende auf ihre Fahrrädern

Am Ende der vierten Etappe lan­den alle sich­er in Bad Karl­shafen. Das war eine logis­tis­che Meis­ter­leis­tung, mit den Rädern zum Bahn­hof Rin­teln und von dort weit­er mit der Bahn zum Rat­ten­fänger von Hameln. Von Hameln wieder mitPedalkraft die wun­der­schöne Weser ent­lang über Holz­min­den und Höx­ter, vor­bei am Haus des Barons von Münch­hausen. Robert, der Touren­plan­er, hat auch an diesem Rad­tag nicht mit Attrak­tio­nen gegeizt, die er alle Tage rechts und links am Weges­rand für uns aufge­tan hat. Sei es ein phan­tastis­ch­er Wasser­spielplatz, Eis­die­len mit automa­tis­chem Bezahlsys­tem, Bisons, Rehe oder Mais­felder – oder heute der Godel­heimer See. Hier spielt Ilja alle seine Karten aus, indem er sich – wie in den Freibädern – als frei drehen­des Karus­sell zur Ver­fü­gung stellt, an dem sich die Kinder ins Wass­er fall­en lassenkön­nen. Oder ist er der Wer­wolf, vor dem die Kinder sinnloser­weise flüchten?

Vor der Abküh­lung und dem Toben im See sowie auf einem aus­geliehenen SUP, galt es erneut, die eine oder andere­Mut­probe zu beste­hen, zum Beispiel Ganzkör­per­baden in Brennnes­seln. Als Beloh­nung gab es abends zum ersten Mal Nudeln zum Abend­brot, als Stärkung für das, was noch kom­men sollte: ein Zim­mer voll mit fliegen­den Ameisen, die es zu besiegen galt.

Am darauf­fol­gen­den Tag dür­fen alle die Ruhe im Rein­hardswald genießen oder die Sababurg erk­lim­men, Vol­ley­ball spie­len oder im Freibad ein­fach mal auf der Wiese in die volle Entspan­nung gehen. Das haben im Wesentlichen die Väter voll und ganz aus­genutzt – wohlver­di­ent. Ins­beson­dere unser stets engagiert­er Vere­insvor­sitzende Ste­fan ist während dieses Tief­schlafs noch ein­mal das Buch aus dem Büch­er­schrank durchge­gan­gen: „Feste feiern“, denn das kön­nen wir,neben Rad­fahren, auch.

Die fün­fte und let­zte Etappe führt uns von Hel­mar­shausen den Diemel-Rad­weg und die Ful­da ent­lang in die drittgrößteS­tadt Hes­sens, in die JHB in Kas­sel. Die Ful­da ist hier noch ungeküsst, denn der Kuss der Wer­ra erwartet sie in Hann. Mün­den, wo selb­stver­ständlich ein schönes Grup­pen­bild entsteht.

Unter­wegs, an der Ret­tungsskulp­tur auf dem Mark­t­platz von Hofgeis­mar, entste­ht ein fan­tastis­ches Bild der Kinder, die sich alle in For­ma­tion vor den Brun­nen legen.

Einige Kinder der Tour machen lustige Grimassen vor dem Dornrösschen-Denkmal in Hofgeismar

 

Einige Kinder der Tour machen lustige Gri­massen vor dem Dorn­röss­chen-Denkmal in Hofgeismar

Am Ziel ent­deck­en die Kinder im Keller der JHB sogle­ich ein Spiel­paradies, nach­dem draußen alle restlichen Riegel, Getränke und das Obst ver­til­gt wurden.

Eine Radreise­woche mit tollen Kindern und Eltern – wie in einem Märchen oder einem guten Roman mit vie­len Anek­doten und Aben­teuern –, an die ich mich gerne zurück­erin­nere und für die ich sehr dankbar bin, neigt sich dem Ende zu. Räder in den Trans­porter oder in die Bahn ab Kas­sel-Wil­helmshöhe und tschüss.

Und der Wer­wolf? Tja, da muss man schon selb­st mit dabei gewe­sen sein. 2026 dann?

Text: Kon­ny Utta